Zur Interessenlage der (groß)agrarischen Produzenten

Alle agrarischen Produzenten hatten wor allem unter dem Preisverfall zu leiden: (1) die Preise sanken in der Krise um 40 % und trotz des Versuchs, durch Mehrproduktion einen Ausgleich zu schaffen, reduzierten sich Bruttoerträge um fast 30 %. Hohe fixe Pachtzinsen  und Hypothekenlasten ließen vie1e Agrarier ins Defizit geraten, die Zwangsmaßnahmen der Gäubiger führten zu einem Wertstturz für Grundstücke und 1andwirtschaftliche Geräte.

Insgesamt war das Kernproblem der agrarischen Produzenten weniger der Mengenabsatz, als vielmehr die untragbaren finanziellen Erträge. Diese bedrohliche Lage hatte sich schon in der kurzen Phase des Preisverfalls für Fleisch 1927 /28 offenbart und dann zunehmend verschärft.

In der Folgezeit konnten sich die agrarisctren Produzenten trotz z.T, unterschiedlicher Produktionsbedingungen – vor allem zwischen überwiegend kleinbetrieblich organisierter Veredelungswirtschaft und der großbetrieblictren Getreidewirtschaft – auf eine eintreitliche Linie der Sicherung der Rendite über die Preise einigen. (2) Ihren Ausdruck fand diese Einheit
auch in der Zusammenfassung aller agrarischen Spitzenverbände im Jahre 1929. Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen lassen sich zusammenfassen in der „Forderung nach umfassender Staatshilfe zugunsten der Landwirtschaft“. (3) Wichtige einzelne Elemente waren:

  • Reduzieung des Imports ausländischer Nahrungsmittel;
  • Regulierung der Getreidepreise durch Errichtung eines staatlichen Getreidemonopols ;
  • Senkung landwirtschaftlicher Steuern ;
  • Ausweitung staatlicher Kredite zugunsten der Landwirtschaft .

 Mit der Verschärfung der agrarischen Krise entwickelten die landwirtschaftlichen Interessenvertreter eine „nationalwirtschaftliche Krisenstrategie, die durch Förderung der Landwirtschaft der Verringerung des Exports dank Steigerung der Binnennachfrage
begegnen wollte“. (3) Durch die unbedingte Betonung des inneren Marktes als Hauptmoment der Krisenüberwindurng verschärften sie zugleich den Widerspruch zwischen Agrarprotektionismus und exportorientierter Handelspolitik  (4)

Detlef Endeward


  1. Vgl. E. Varga: Die Krise des Kapitalismus und ihre politischen Folgen, Frankfurt/M.. 1974, S, 291ff und C. Bettelheim: Die deutsche Wirtsctraft unter dem Nationalsozialismus, München 1974, S. 2ff
    Die Klein- und Mittelbauern waren – abgesehen von den Landarbeitern – in dieser Situation am ärgsten betroffen. Die Belastungen waren  für sie relativ zu ihren Einkommen und Produktionsmöglichkeiten erheb1ich höhe  als bei den Großbauern und Großgrundbesitzern, zumal die staatlichen Hilfen – billige Kredite, Schuldsanierungen und Subventionen – in weit überwiegendem Ausmaß nur den Letzteren zu Gute kannen. Die Folge war, daß der Prozeß der Differenzierung – wenige Bauern „steigen auf“, sehr viele verlieren ihre bäuerliche Existenz – voranschritt. Infolge dessen erhöhte sich zugleich die Bodenkonzentration in den Händen weniger Großgrundbesitzer.
  2. Siehe hierzu besonders: D. Geßner: Industrie und Landwirtschaft 1928-1930, in: H. Mommsen u.a.: Industrielles System, Bd. 2, S. 762ff
  3. D. Geßner: a..a..O., S. 766f
  4. D. Geßner: a.a..O., S. 778
  5. Vg1. hierzu: T.P. Koops: Zielkonflikte der Agrar- und Wirtschaftspolitik in der Ära Brüning, in: H. Mommsen u.a.: a-.a..O., Bd. 2, S. 852ff

Materialien zum Verhältnis von Politik und Ökonomie am Ende der Weimarer Republik

Der Charakter der Krise 1929 bis 1933: eine Systemkrise

Zur wirtschaftlichen Interessenlage der verschiedenen Klassen

Politik und Ökonomie in der Endphase der Weimarer Republik

Der Charakter der faschistischen Krisenlösung

 

Das könnte dich auch interessieren …