Zentrale Motive im deutschen Nachkriegsspielfilm

Die unmittelbare Vergangenheit: Opfer des Schicksals

  1. Der Alltag: Kollektive Bedrohung und Angst
  2. Der Krieg: Schicksal und Leid
  3. Haltungen: Innere Emigranten – Mitläufer – „gute Menschen“
  4. Überzeugungstäter im Irrtum
  5. Die Schuld: Täter und Opfer

Die Gegenwart: Eine fremd gewordene Welt

Das „Innere“ des Menschen

  1. Motiv der Heimkehr
  2. Verletzungen, Verluste, Leiden
  3. Generationen im Konflikt
  4. Gestörte Idyllen: Ehe und Familie

Das „Äußere“ der Gesellschaft: unwirtlich-gefährdende Außenwelt

  1. Kollektive Selbstbilder: Kaleidoskop des Elends
  2. Die Großstadt: Ort ohne Hoffnung
  3. Hunger als momentum movens: Erst kommt das Fressen….
  4. Auf Kosten anderer: Schwarzmarktschiebereien
  5. Gefahren für die Sittlichkeit (der Frauen)
  6. Die Bürokratie: überlastet, feindlich, irrational
  7. Voll Sehnsucht und Demut: Die Flüchtlinge
  8. Politik und Demokratie im Alltag?

Zukuntsentscheidungen und -entwürfe: 

Eigene Antworten

  1. Wandlung durch Erziehung? (der Jugend)
  2. Gegendas Fremde: Deutsche Tugenden, Kultur und Moral
  3. Inseln der Glückseeligkeit: Restituierte Mikrokosmen der Harmonie
  4. „Natürliche“ Unterschiede: Die Restituierung einer „friedlich-harmonischen“ Klassengesellschaft (im Westen)
  5. Historisches Bewusstsein, Parteilichkeit und Lehren für die Gegenwart (im Osten)
  6. Das Ende lebendiger Widersprüche

Fremde Antworten:

  1. „The  courage to think“

Die Zukunft: Hoffnung auf individuelles Glück und materielle Sicherheit

Das Menschenbild

  1. erschütterte, hilfebedürftige Väter
  2. desillusionierte, suchende Söhne
  3. starke, helfende/liebende Frauen
  4. Meisterung der Schwierigkeiten: Charaktersache
    • Fleiß und Durchsetzungsvermögen
    • Ordnung und Sauberkeit
    • erst die Arbeit und dann kein Vergnügen

Formen der Wahrnehmung

  1. Orientierungs(ver)suche – Wer weist den Weg, nennt das Ziel?
  2. Individualität und Privatheit kaum Solidarität und Öffentlichkeit
  3. In Erwartung – von der Lähmung zum (gelenkten) Handeln

Darstellung nach den Arbeiten der Autoren aus dem Autorengruppe Nachkiriegsspielfilme  und v.a. der Studie von Bettina Greffrath: Gesellschaftsbilder der Nachkriegszeit. Deutsche Spielfilme 1945- 1949, Pfaffenweiler 1995.
Siehe dazu auch die jeweiligen Filmanalysen.

Nachkriegszeit – Wolfszeit

Harald Jähner formuliert in seinem Buch „Wolfszeit“ in den Zwischenüberschriften jeweils den Extrakt seiner folgenden Ausführungen. Eine „Erzählung“ entlang dieser Überschriften korrespondiert auffällig mit den zentralen Motiven in den deutschen Nachkriegsspielfilme.

 

Stunde Null?

Auch wenn „So viel Anfang war, wie nie und so viel Ende auch nicht“, so war es keine Null. Es waren viele individuelle „Anfänge“ „In Trümmern“ (der Städte) – und diese Anfänge zeigen die sog. TRÜMMERFILME. Sie erzählen Geschichten von „Strategien der Enttrümmerung“ – auch der psychischen – und stellen Menschen vor, die „unterwegs“ sind, weniger physisch, mehr psychisch.

„Das große Wandern“ beschäftigt sich – nachvollziehbar – mit Flucht und Vertreibung. Dieser Aspekt der Nachkriegswirklichkeit wird bei Jähner aber ein wenig anders bewertet als gemeinhin in der nachkriegsdeutschen Erfolgsgeschichte, nämlich als „schockierende Begegnung der Deutschen mit sich selbst“, der Deutschen, die auf einmal da sind, wo sie nicht hingehören – und Probleme verursachen für die, die noch immer da sind. Zum „großen Wandern“ gehören aber auch die zehntausende Menschen, die zumeist vergessen werden, die befreiten Zwangsarbeiter und herumirrenden Häftlingen, zum großen Teil „heimatlos für immer“.

Im deutschen Nachkriegsfilmschaffen bekommen diese Menschen nur in LANG IST DER WEG Sprache und Bilder, sonst existieren sie quasi nicht. Und „unsere“ Flüchtlinge: Sie stören auch in den Filmen und sie sind verstört oder werden zumindest so dargestellt.

Die „Liebe 47“ äußert sich u.a. in „Tanzwut“.“ Constanze schlendert durch die Welt“, wenn sie sich nicht gerade um die heimgekehrten „ausgebrannten Männer“ kümmern muss. Jähner wagt die These, dass nur der „Frauenüberschuss“ den Männern ihre Vormachtstellung bewahrt habe – das scheint angesichts der Restituierung der vor-faschistischen gesellschaftlichen Strukturen eine unzureichende Erklärung.
„Gierig nach Leben, durstig nach Liebe“ – so erscheinen die Frauen auch in den meisten Filmen und enden in der Regel im Happy-end bei den Männern. „Veronika Dankeschön im Westen“ und „Freiwild im Osten“. Zwei Zwischentitel, die gängige Mythen bedienen, an Realitäten anknüpfen aber sicher nicht das gesamte Bild der West- bzw. Ostgesellschaft wiedergeben, die unmittelbar nach dem Krieg so unterschiedlich auch noch nicht gewesen ist. In den Nachkriegsfilmen ist die sexuelle „Unterwerfung“ kein Thema, das wird es erst in den späteren – vor allem jüngsten – Filmen, in denen aber oft auch gegenwärtige Auseinandersetzungen rückprojiziert werden.

„Rauben, Rationieren, Schwarzhandeln – Lektionen für die Marktwirtschaft“. Nicht nur eine treffende Zusammenfassung des alltäglichen „Wirtschaftslebens“: die erste Umverteilung macht die Menschen zu „Mundräubern“. „Eigeninitiative und Kriminalität“ sind – in Grenzen – legitim. UND ÜBER UNS DER HIMMEL und UNSER TÄGLICH BROT zeigen u.a., was „erlaubt“ ist und was sanktioniert wird. Die „Währungsreform wird als „die zweite Stunde Null“ initiiert und bald auch so empfunden – und besiegelt das Schicksal aller politischen Utopien: im Westen wie im Osten.

Jähner spricht vom „Design der Demokratie“ und legt offen, dass die bundesrepublikanische Demokratie keine selbst erkämpfte sondern eine „geschenkte“ Demokratie gewesen ist und dieses „Geschenk“ mit eigennützigen Hintergedanken erfolgte. Der „real existierende Sozialismus“ im Osten war weder ein selbst erkämpfter Sozialismus noch ein Geschenk, er war das Ergebnis des Kalten Kriegs. Sowohl die sog. „soziale Marktwirtschaft“ wie auch des vielbesungene „Wirtschaftswunder“ sind einerseits ein – durchaus erfolgreiches – „Geschäftsmodell“ gewesen, andererseits aber auch ein bis heute tragfähiger Mythos und das Ergebnis einer überaus erfolgreichen Propaganda. „Die Umerzieher“ hatten in dieser Hinsicht im Westen „Erfolg“ und schufen einen neuen „deutschen Geist“:  die Generation Käfer stellt sich auf!

In den Nachkriegsfilmen ist Demokratie eher kein Thema. Politik ist Aufgabe der Alliierten und ab Staatsgründungen wird sie delegiert. Das ist nach den Erfahrungen aus der Zeit des Schwarzmarkts als Staatsbürgerschule besser so – und passt zum „Klang der Verdrängung“: „Verschweigen, reden lustlos zusammenrücken“„Ein Wunder gewesen ist, dass das gut gegangen ist“.

Es geht weiter „gut“. Die abstrakte Kunst stattet die soziale Marktwirtschaft aus und „der Nierentisch verändert das Denken“. Neue Geschäftsmodelle werden entdeckt (Beate Uhse), die Angst, dass „Deutschland im Schmutz versinkt“ und die “Jugend verwahrlost“ muss bewältigt werden.

Da hilft es, das „schmutzige Wasser“ (Konrad Adenauer) immer noch bzw. wieder zur Verfügung zu haben.

Nachwort: Das Glück


Detlef Endeward (2023) nach: Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955. Berlin 2020

Geistig-moralische Selbstbefragung

„Sie (Susanne Kerckhoff) unterscheidet die Menschen in „Atlasameisen“ – deren Bestreben gerechte, solidarische Arbeit an der Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist – und „Jäger“ – die die Welt als Revier betrachten, um ihre Einmaligkeit auszukosten. Auch unter den Antifaschisten macht sie Jäger aus, beschreibt die „neuen Mitläufer“ und die verbreitete Eigenschaft der Deutschen, „richtig liegen“ zu wollen.“

Carsten Hueck: Wie das Gift der Diktatur nachwirkt (über:Susanne Kerckhoff: „Berliner Briefe“ (1948))
Deutschlandfunk Kultur, 09.06.2020

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