Teilkapitulation der Wehrmacht für Nordwestdeutschland, Dänemark und die Niederlande

Die Teilkapitulation der Wehrmacht für Nord-westdeutschland, Dänemark und die Nieder-lande am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde nach Verhandlungen am 4. Mai 1945 auf dem Timeloberg nahe Wendisch Evern bei Lüneburg unterzeichnet.

Wir dokumentieren hier einen Auszug aus „Von der Normandie zur Ostsee“ von Feldmarshall Montgomery aus dem Jahr 1948, in dem dieser die in den Filmbildern gezeigte Vorgänge beschreibt und einordnet. Die Darstellung „Die Kapitulation auf dem Timeloberg“ des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.  beschreibt die Ereignisse aus gegenwärtiger Perspektive.


Von der Normandie zur Ostsee

Die Kapitulation
Hinter den Kulissen hatten einige Deutsche, die militärischen Argumenten zugänglich waren, schon seit geraumer Zeit Mittel und Wege gesucht, um Verhandlungen einzuleiten. Nachdem wir den Rhein überschritten hatten, war jeder Widerstand sinnlos geworden. Hitler aber besaß kein Verständnis für militärische Tatsachen, und diejenigen, welche hinter seinem Rücken Friedensfühler ausstreckten, waren nicht so sehr darum bemüht, den Krieg zu beenden, als vielmehr mit uns im Westen einen Sonderfrieden zu schließen, damit sie imstande wären, den Kampf im Osten fortzuführen. Es war dies der letzte Versuch der Deutschen, dem Zweifrontenkrieg zu entrinnen.

Die ersten Angebote, von denen ich hörte, wurden der britischen gesandschaft in Stockholm übermittelt, aber es wurde den Deutschen sofort klar gemacht, daß ein Sonderfrieden nicht in Frage kommen könnte. (…)

Inzwischen war wiederum über Stockholm die Nachricht eingetroffen, Feldmarschall von Busch sei bereit, sich mit den Briten ins Einvernehmen zu setzen. Auch General Lindemann in Dänemark schien geneigt, zu kapitulieren. Aber wiederum hatten die Deutschen Hintergedanken. Busch hoffte, seine Streitkräfte vor den Sowjetarmeen zu retten, die in raschem Anmarsch im Osten waren. Er ließ uns wissen, daß er zur Übergabe bereit sei, aber erst, wenn wir die Ostsee erreicht hätten. Es war ihm daran gelegen, die Russen von sich fernzuhalten, und er befürchtete auch, SS-Verstärkungen könnten ihn zur Fortführung des Krieges zwingen. Die Deutschen schieden sich in zwei Gruppen: zur ersten gehörten jene, die wie Hitler selber einen Abbruch des Kampfes überhaupt ablehnten, zur zweiten diejenigen, welche sich wie Himmler und Busch der Hoffnung hingaben, die Alliiierten durch einen Sonderfrieden entzweien zu können.

Nach dem Elbeübergang der Zweiten Armee am 29. April setzte sich der deutsche Befehlshaber in Hamburg, Wolz, mit Generalmajor Lyne, Kommandant der 7. Panzerdivision, in Verbindung. Am 2. Mai hatte er sich zur Übergabe bereit erklärt, als bekannt wurde, daß sein Vorgesetzter, General Blumentritt, sich der Zweiten Armee zu ergeben wünschte. Wir kamen überein, daß Blumentritts Unterhändler sich am nächsten Morgen in das Taktische Hauptquartier General Dempseys begeben sollten.

Die Dinge entglitten nun der deutschen Leitung völlig.  Hitler war tot (zwar wußten wir das damals noch nicht), und Generaladmiral Dönitz versuchte an seiner Stelle in Schleswig-Holstein die Befehlsgewalt auszuüben. Er war bereit, dem Krieg ein Ende zu setzen, weigerte sich aber, sich den Russen zu ergeben. Er befahl darum den vor der Roten Armee flüchtenden deutschen Truppen, sich den Anglo-Amerikanern zu ergeben. In dem immer enger werdenen Korridor zwischen Ost- und Westfront nahm die Verwirrung unglaubliche Ausmaße an.

Mit der Verschlechterung der Lage nahm auch die deutsche Kapitulationsbereitschaft rasch zu.  An Stelle von Blumentritts Delegation erschien eine viel stärkere Vertretung, geführt von Generaladmiral Friedeberg, dem Vertreter von Dönitz, und General Kinzel, Buschs Generalstabschef, im Haptquartier General Dempseys. Die Unterhändler waren ermächtigt, über die Kapitulation der gesamten deutschen Streitkräfte im Norden zu verhandeln. Sie wurden deshalb in mein Taktisches Hauptquartier in der Lüneburger Heide geschickt. Wolz, der sie begleitet hatte, blieb zurück, um die Kapitulation Hamburgs zu unterzeichnen.

Als Friedeberg in meinem Hauptquartier eintraf, teilte er mir mit, daß das deutsche Oberkommando mir die Kapitulation der deutschen Streitkräfte im Norden, einschließlich  derjenigen, die durch Mecklenburg sich vor dem russischen Vormarsch zurückzogen, anzubieten wünsche. Er wollte seine Sodaten vor den Russen retten und ersuchte mich, Zivilflüchtlingen den Durchgang durch unsere Linien nach Schleswig-Holstein zu gestatten. Ich weigerte mich, die Kapitulation der deutschen Truppen, die den Russengegenüberstanden, anzunehmen und erklärte, ihre Übergabe wäre mit unseren russischen Alliierten zu besprechen. Was die feindlichen Streitkräfte an meiner eigenen Front betraf, ließ ich die deutschen Unterhändler nicht darüber im Zweifel, daß ich nur die bedingungslose Kapitulation aller Land-, See- und Luftstreitkräfte annehmen würde, die noch in Holland, den Friesischen Inseln, auf Helgoland, in Schleswig-Holstein, in Dänemark und in den von den Deutschen gehaltenen Gebieten westlich der Elbe Widerstand leisteten. Ich betonte, daß ich mit Vergnügen die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen anordnen würde, falls ich nicht die bedingungslose Übergabe dieser Truppen erhielte. Dann legte ich von Friedeberg eine Karte  mit der damaligen Operationslage vor, über die er offenbar nicht genau orientiert war, und dies trug dazu bei, ihn von der Hoffnungslosigkeitder Lageder deutschen Truppen zu überzeugen.

Die Unterhändler erklärten dann, sie wären nicht ermächtigt, meinen Forderungen zuzustimmen; doch wären sie bereit, Feldmarschall Keitel ihre Annahme zu empfehlen. Zwei Mitglieder der deutschen Delegation suchten im Auto Feldmarschall Keitel in seinem Hauptquartier auf, während die übrigen in meinem Taktischen Hauptquartier auf der Lüneburger Heide blieben.

Am 4. Mai kehrte Friedeberg um 18:00 Uhr zurück, nachdem er weitere Anweisungen von Keitel und Dönitz erhalten hatte. Zuerst traf ich ihn privat in meinem Wohnwagen und erklärte ihm, daß ich einzig entweder ein „Ja“ oder „Nein“ als Antwort auf meine Forderungen nach bedingungsloser Übergabe zu vernehmen wünschte. Nachdem ich erfahren hatte, daß das deutsche Oberkommando seine Zustimmunggegeben hatte, führten wir die Besprechungen in einem Zelt weiter, wo alles für die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde bereit war.

Die Urkunde der Übergabe wurde in meiner Gegenwart am 4. Mai um 18:20 Uhr unterzeichnet; ich nahm sie auf Grund der Vollmachten entgegen, die mir der Oberste Befehlshaber zu diesem Zweck erteilt hatte.

Die Kapitulation sollte am 5. Mai um 8:00 Uhr in Kraft treten. Laut Vereinbarung mußten alle Truppen unter der Kontrolle des deutschen Oberkommandos in Holland, Nordwestdeutschland, einschließlich der Friesischen Inseln, Helgolands und aller anderen Inseln, in Schleswig-Holstein und Dänemark ihre Waffen niederlegen und bedingungslos kapitulieren. Das deutsche Oberkommando wurde verpflichtet, unverzüglich und ohne Widerspruch alle Befehle auszuführen, die die alliierten Mächte später erteilen würden; die Entscheide der alliierten Mächte sollten unanfechtbar sein, falls irgendwelche Meinungsverschiedenheiten betreffs der Vereinbrungen entstehen sollten. Wir hatten uns ausbedungen, daß die in meinem Hauptquartier unterzeichnete Urkunde später durch eine allgemeine Kapitulation Deutschlands und aller deutschen Truppen ersetzt werden sollte.

Es ging nicht mehr lange, bis es so weit war. Die Deutschen waren nirgends mehr fähig, unserem Vormarsch Widerstand entgegenzusetzen. Der Feind hatte schon am  2. Mai den Kampf in Italien aufgegeben, während die deutsche Erste und Neunzehnte Armee, die der alliierten 6. Armeegruppe in Süddeutschland und Österreich gegenüberstanden, am 5. Mai kapitulierte. Am folgenden Tag wurde auch hier Ende Feuer befohlen.

Von Friedeberg begab sich am 5. Mai in General Eisenhowers Hauptquartier in reims. Selbst dann versuchten die deutschen noch, Konzessionen zu erhalöten und Zeit zu gewinnen, um möglichst viele Trupppen von der russischen Front abzuziehen und den westlichen Alliierten zu übergeben. Der Oberste Befehlshaber traf jedoch energische Maßnahmen, um dieser Verzögerungstaktik ein Ende zu setzen. Die Kapitulationsurkunde wurde schließlich durch Generaloberst Jodl, der am 6. Mai nach Reims gebracht worden war, am eanderen Morgen um 2:42 Uhr unterzeichnet. Sie trat um Mitternacht vom 8. auf den 9. Mai in Kraft. Am 9. Mai unterzeichnete Generalfeldmarschall Keitel die formelle Ratifikation der Übergabe in Berlin im Namen des deutschen Oberkommandos.


aus: Feldmarschall Montgomery: Von der Normandie zur Ostsee. Feldmarschall Montgomerys eigener Kriegsbericht. Bern 1948, S. 307ff. Zitiert nach: Ullrich Schneider/Irmgard Wilharm: Niedersachsen ’45. Hrsg von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1983, S. 16-19

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Text der Kapitulationsurkunde

Die Kapitulationsurkunde wurde in englischer Sprache und deutscher Übersetzung verfasst. Der deutsche Text lautet: 1)

Die von sämtlichen Beteiligten unterschriebene Kapitulationsurkunde im englischen Original

Kapitulations Urkunde der gesamten deutschen Streitkräfte in Holland, in Nordwest Deutschland einschliesslich aller Inseln, und in Dänemark.

1. Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht erklärt sich einverstanden mit der Uebergabe sämtlicher deutschen Streitkräfte in Holland, in Nordwest Deutschland einschliesslich der friesischen Inseln und Helgoland und allen anderen Inseln, in Schleswig-Holstein und in Dänemark an den Oberbefehlshaber der 21. Heeresgruppe. Dieses schließt alle Schiffe in diesen Zonen ein.

Diese Streitkräfte haben die Waffen zu strecken und sich bedingungslos zu ergeben.

2. Alle Kampfhandlungen auf dem Lande, zur See und in der Luft durch Deutsche Streitkräfte in den vorgenannten Gebieten sind um 8 Uhr vormittags doppelte britische Sommerzeit am Sonnabend den 5ten Mai 1945 einzustellen.

3. Die betreffenden Deutschen Befehlsstellen haben sofort und ohne Widerrede oder Kommentar alle weiteren Befehle auszuführen, welche durch die Alliierten Mächte in jedweder Sache erteilt werden.

4. Ungehorsam in Bezug auf Befehlen oder Ermangelungen in deren Ausführung werden als Bruch dieser Uebergabebedingungen angesehen und werden von den Alliierten Mächten laut den Rechten und Kriegsbräuchen behandelt.

5. Diese Uebergabebedingungen sind unabhängig von, ohne Vorbehalt auf und werden überholt durch irgendwelche allgemeinen Uebergabebedingungen, welche durch oder im Auftrag der Alliierten Mächte gestellt werden in Bezug auf Deutschland und den Deutschen Streitkräften im Ganzen.

6. Der Wortlaut dieser Kapitulations Urkunde ist in Englischer und Deutscher Sprache aufgestellt.

Der englische Text ist der Massgebende.

7. Sollten sich irgendwelche Zweifel oder Dispute bezüglich der Auslegung oder Deutung der Uebergabebedingungen ergeben, so ist die Entscheidung der Alliierten Mächte die Endgültige.


1) Siehe das Dokument beim Bundesarchiv

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