Reorganisation des Bildungswesens

 

Die Alliierten hatten schon 1944 beschlossen, in den besetzten Gebieten alle

Bildungseinrichtungen zunächst zu schließen, um das Lehrpersonal zu entnazifizieren und die Lehrmittel zu überprüfen.

Und so geschah es auch; für einige Monate ruhte der Schulbetrieb völlig und auch alle übrigen Bildungsinstitutionen blieben geschlossen. Die Briten bemühten sich allerdings bald, die Schulen wieder zu öffnen, weil sie befürchteten, dass bei fehlendem schulischen Einfluss die nationalsozialistische Ideologie bei der Jugend weiterwirken und dadurch die ‚Erziehung zur Demokratie‘ verzögert werden könnte.

Probleme vor Ort

Sie drängten die deutschen Behörden ab Sommer 1945, den Schulunterricht so schnell wie möglich wieder aufzunehmen. Aber das ließ sich nirgendwo leicht realisieren – auch in Wolfenbüttel nicht. Hier hatte zwar noch bis kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner ein eingeschränkter Unterricht stattgefunden, immer wieder unterbrochen durch die zahllosen Bombenalarme, aber für eine baldige Wiederaufnahme waren die Bedingungen nicht gegeben.

Die Lehrkräfte mussten zunächst politisch überprüft und viele wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit aus dem Dienst entlassen werden. Die nationalsozialistischen Schulbücher mussten ausgesondert und Ersatz musste beschafft werden.

Vor allem aber fehlte es an den notwendigen Schulräumen. Zahlreiche Schulen waren als Lazarette, Krankenhäuser, Notunterkünfte für ausgebombte Familien oder Flüchtlinge belegt.

Im Herbst 1945 konnte der Unterricht schließlich doch beginnen, zunächst in den

Volksschulen. In den höheren Schulen nur für die Kriegsteilnehmer, deren ,,Reifevermerke“ aus den Kriegsjahren nicht anerkannt wurden. Erst ab Ostern 1946 wurden wieder alle Klassen unterrichtet. Aber die Unterrichtsbedingungen waren katastrophal. Der Mangel bestimmte den Schulalltag noch lange Zeit.

Die Zahl der zunächst ausgewählten Lehrkräfte war viel zu gering, um eine umfassende Unterrichtsversorgung zu ermöglichen. Trotz Werbemaßnahmen und Kurzlehrgängen sowie der Rückkehr zahlreicher, zunächst aus politischen Gründen entlassener Lehrkräfte, konnte der Lehrermangel in diesen Jahren nie behoben werden, zumal durch die Flüchtlingskinder die Schülerzahl erheblich angewachsen war.

Neue Schulbücher und Unterrichtsmaterialien blieben Mangelware und mussten noch lange rationiert und zugeteilt werden. Und auch die Schulraumnot blieb weiterhin eine schwerwiegende Belastung für den Unterricht. Die gewachsene Schülerzahl und die weitergehende zweckfremde Nutzung von Schulräumen waren hierfür ursächlich. Für den Neubau von Schulen fehlte es in diesen Jahren zunächst an Rohstoffen und später an Geld.

Der Unterricht fiel häufig aus, weil die Schüler beispielsweise für Gemeinschaftsaufgaben, wie z.B. Heilkräutersammlungen, herangezogen wurden oder weil im Winter die Schulräume wegen des Brennstoffmangels nicht beheizt werden konnten.

Unterernährt zum Schulunterricht

In den ersten Nachkriegsjahren war die körperliche Verfassung vieler Kinder zudem ausgesprochen schlecht. Um der Unterernährung entgegenzuwirken, gab es ,,Schulspeisungen“. Fünfmal die Woche wurde Zusatznahrung zu den üblichen Lebensmittelrationen gegen ein geringes Wochenentgelt ausgeteilt, zumeist eine Suppe, die 300 Kalorien enthielt und aus folgenden Bestandteilen hergestellt war: 30 g Mehl, 40 g Hülsenfrüchte, 10 g Fett, 10 g Fleischextrakt und 5 g Salz. Die Nährstoffe für die Schulspeisungen wurden aus dem Ausland eingeführt, wo sie zumeist durch Spenden aufgebracht worden waren.

So positiv diese Schulspeisungen für die Bekämpfung der Unterernährung auch gewesen sind, brachten sie doch auch Schwierigkeiten mit sich. Der Zeit- und Verwaltungsaufwand beeinträchtigte den Unterricht, und die Verteilungsbedingungen riefen oft Widerspruch und Ärger hervor. Insbesondere wurde kritisiert, dass Lehrer oder Schulangestellte an den Speisungen teilnahmen. Die Verbesserung der Versorgungslage führte schließlich dazu, dass 1950 die Schulspeisungen eingestellt wurden.

Überhaupt normalisierten sich langsam die Verhältnisse in den Schulen gegen Ende der 40er Jahre wieder. Die Unterrichtsbedingungen wurden besser, es fanden wieder Schulfeste statt, es gab Schulwanderungen, Landheimaufenthalte und Betriebsbesichtigungen.

Unterschiedliche bildungspolitische Vorstellungen

Bei der Wiederaufnahme des Schulunterrichts ist in den Westzonen inhaltlich und strukturell ziemlich bruchlos an die Traditionen aus der Weimarer Zeit angeknüpft worden, ohne den Versuch zu machen, ein neues Bildungssystem aufzubauen. Nur wenige führende Politiker sahen die Notwendigkeit für eine tiefgreifende Reform. Das traditionelle dreigliedrige

Schulsystem wurde wieder eingeführt mit den ebenso traditionellen Zielen der verschiedenen Schulformen. Chancengleichheit gab es damals nicht. Der größte Teil der Kinder ging zur Volksschule. An den höheren Schulen musste Schulgeld bezahlt werden.

Der Jahresbetrag betrug beispielsweise an der damaligen Städt. Oberschule in Wolfenbüttel

für Jungen 180 Mark, für Auswärtige sogar 225 Mark. Von vielen Eltern war diese Summe bei den äußerst geringen Einkünften der meisten Familien nicht aufzubringen.

Detlef Endeward 17/2021


Literatur

Manfred Bösch: Die Entwicklung des niedersächsischen Schulwesens seit 1946. In: Niedersachsen. Streiflichter aus 50 Jahren. S. 73-82

Detlef Endeward:

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