Jahre des Aufbaus

Die ersten Jahre des Landes Niedersachsen

Als vor fast 75 Jahren, zum 1. November 1946, das Land Niedersachsen gegründet wurde, war der Zweite Weltkrieg seit eineinhalb Jahren beendet. Eine solche Fülle komplexer Probleme prägten Alltag und Gesellschaft der Nachkriegszeit, dass die hier ausgewählten Filme diese nur in Ausschnitten thematisieren können. Einen Überblick – wenn auch nur in groben Zügen – sollen die folgenden Ausführungen bieten.
Wesentliche Aspekte der niedersächsischen Nachkriegsgeschichte werden zusätzlich in weiteren Beiträgen und mit Dokumenten  ausgeführt.

„Die Länder Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe sowie die Provinz Hannover, aus denen Niedersachsen hervorgehen wird, waren im April 1945 von kanadischen, polnischen, britischen und amerikanischen Truppen eingenommen worden. Die ersten Wochen nach Kriegsende waren von gegenseitigem Misstrauen zwischen Besatzern und Besetzten geprägt; vereinzelt kam es zu Plünderungen und Vergewaltigungen. Im Juli 1945 lösten britische Besatzungstruppen die Fronteinheiten ab. Sie lenkten und begleiteten bis in die 1950er Jahre hinein den Wiederaufbau eines geregelten, demokratischen Gemeinwesens. Wie die Besatzer der anderen Zonen standen sie vor einem immensen Aufgabenkomplex, denn sie mussten

  • die Versorgung aller sicherstellen,
  • den Wiederaufbau von Wirtschaft und Infrastruktur in die Wege leiten,
  • die Gesellschaft entnazifizieren und demokratisieren,
  • allein im späteren Niedersachsen 2,2 Mio. Flüchtlinge und Vertriebene integrieren,
  • 600 000 so genannte Displaced Persons, also befreite Häftlinge der NS-Lager und ehemalige Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, in ihre Heimat zurückbringen.

Um diese Aufgaben zu bewältigen, installierten die Briten das System der „indirect rule“, des indirekten Regierens: Sie selber gaben die Leitlinien und Richtungsentscheidungen vor; deren Umsetzung übertrugen sie der deutschen Verwaltung. Die alten Führungskräfte waren sofort politisch überprüft, ggf. interniert und gegen Männer ausgetauscht worden, die als unbelastet galten. Die weitere Ausschaltung von Nationalsozialisten aus staatlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Schlüsselstellungen wurde mit Hilfe deutsch besetzter Entnazifizierungsausschüsse bis 1948 fortgesetzt. Legten die Briten zunächst strenge Maßstäbe an, verfehlten die Verfahren ab 1946 durch sich lang hinziehende bürokratische Abläufe und zunehmend laxere Sanktionierungen an Wirkung.

Auf oberster Ebene blieb die Verwaltungsgliederung in die einzelnen Länder bestehen, an deren Spitze die Briten ernannte Ministerpräsidenten stellten. Davon abgesehen, bauten sie die Verwaltung von unten, von der örtlichen Ebene aus neu auf. Sie beriefen unbelastete Männer als Bürgermeister und Landräte, die, obwohl oft in Verwaltungsaufgaben unerfahren, den ungeordneten Nachkriegsverhältnissen mit ihrem allumfassenden Mangel geregelte Strukturen geben mussten. Ab Oktober 1945 stellten die Briten den Bürgermeistern und Landräten ernannte Vertrauensausschüsse zur Seite. Dies waren Vorläufer der später gewählten Gemeindebzw. Stadträte und Kreistage.

In deutlicher Abkehr von nationalsozialistischer Willkür, der durch die Verquickung von Staat und Partei Tür und Tor geöffnet worden war, trennten die Briten Verwaltung und Politik strikt voneinander. Ab September 1945 erlaubten sie die Wieder- bzw. Neugründung von Parteien. Parteien waren zuerst nur auf Ortsebene zugelassen. Hier, nah an der eigenen Erfahrungswelt, sollte sich jeder kompetent in den Prozess der Meinungsbildung und -umsetzung einbringen können. Sukzessive folgten dann die Parteigründungen auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene.

Viele Politiker (und auch einige Politikerinnen) der ersten Stunde waren bereits in der Weimarer Republik aktiv gewesen und ärgerten sich deswegen sehr, dass die Briten ihnen die Demokratie häppchenweise neu beibringen wollten. Politische Traditionen aus den Weimarer Jahren lebten wieder auf: Im ehemals von der Zentrumspartei dominierten Oldenburger Münsterland erstand beispielsweise die CDU als erste Partei, im einst „roten“ Wilhelmshaven formierten sich zuerst wieder SPD und KPD. Die ersten Kommunalwahlen in der britischen Zone fanden im Herbst 1946 statt. Im April 1947, zwei Jahre nach Kriegsende, löste der erste frei gewählte niedersächsische Landtag die ernannten Landtage der vormals vier eigenständigen Ursprungsländer ab. Groß war das politische Engagement der Bevölkerung nicht; viele fürchteten, „noch einmal reinzufallen“.

Während in Deutschland im Durchschnitt jede fünfte Wohnung (20 %) durch den Krieg zerstört worden war, war es auf dem Gebiet des späteren Niedersachsen nur jede achte (12,5 %). Durchschnittswerte haben den Nachteil, die Extremwerte zu nivellieren: Zwar hatten einige ländliche Gebiete gar keinen Wohnraumverlust zu beklagen, dafür waren die großen Städte Hannover, Braunschweig (je 52 %), Hildesheim (43 %), Osnabrück (55 %), Emden (74 %) oder Wilhelmshaven (62 %) mindestens zur Hälfte dem Erdboden gleich gemacht. Aufgrund seiner relativen Unzerstörtheit und vor allem seiner geografischen Lage war das spätere Niedersachsen schon in den letzten Kriegsmonaten zur Anlaufstelle tausender Flüchtlinge aus Richtung Osten geworden. Bis zum Frühjahr 1947 kamen insgesamt ca. 6 Mio. Flüchtlinge und Vertriebene in die drei westlichen Zonen, mehr als ein Drittel von ihnen nach Niedersachsen. Zumeist waren es Frauen, oft mit einer großen Kinderschar, und Senioren und Invalide. Sie kamen in der Regel mit kaum mehr als einem Koffer oder einem Bündel; eventuelle Sparkonten in ihrer Heimat waren eingefroren worden. Besatzer und deutsche Verwaltung bemühten sich um
die Unterbringung und Integration der Neuankömmlinge, doch die Hilfsbereitschaft der Eingesessenen sank rapide im Laufe der Zeit. Die Briten bewegten sie oftmals nur mit Strafandrohungen zur Abgabe von Wolldecken, Kleidung, Ofenrohren und Ähnlichem. Während die eine Seite sich kaum vorstellte, welche materiellen und psychischen Belastungen nach dem Verlust von Heimat und Besitz, nach Gewalterfahrungen und Flucht zu bewältigen waren, akzeptierte die andere mühsam, wie schwierig das Teilen mit fremden, unerbetenen Menschen war.

Staatskommissare kämmten auf der Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten wieder und wieder Wohnung für
Wohnung durch und nahm Zwangseinweisungen vor. Dennoch mussten die meisten Flüchtlinge in spartanischen Baracken untergebracht werden, in denen sie in bitterer Armut oft noch im Winter 1949/50 hausten.

Die Ernährungslage entwickelte sich katastrophal. Auf der einen Seite versorgten die östlich der Elbe gelegenen Agrargebiete, einst wichtige Kornkammern Deutschlands, den Westen nicht mehr, auf der anderen Seite war in Niedersachsen die Bevölkerungszahl im Vergleich zur Vorkriegszeit auf das 1 ½-fache gestiegen. Es mangelte an modernen landwirtschaftlichen Maschinen – der nationalsozialistische Staat hatte die Industrieproduktion komplett auf die Rüstung ausgerichtet –, es mangelte an Saatgut und Dünger, an fachkundigen Arbeitskräften und schließlich an intakten Verkehrswegen und -mitteln. Die britischen Besatzer sorgten für eine strikte Bewirtschaftung der Lebensmittel und importierten tonnenweise Nahrungsmittel in ihre Zone. Dennoch sahen die Lebensmittelkarten in den Jahren 1945 bis 1947 nur Zuteilungen zwischen 1 000 und 1 500 Kalorien täglich vor, häufig konnte nur ein Bruchteil davon geliefert werden. Verbotene Hamsterfahrten waren an der Tagesordnung („Wer hamstert, gehört ins Zuchthaus, wer nicht hamstert, ins Irrenhaus“, hieß es oft), der Schwarzmarkt florierte.
Die Zahl der Kleingärten verzehnfachte sich; Hühner lebten lange: „Lieber täglich ein Ei als einmal eine Hühnersuppe.“
Mehrfach ordneten die Alliierten Schlachtkampagnen an, um die Futterkonkurrenz zwischen Mensch und Tier zu entschärfen.

Auch Energie war Mangelware und nur stundenweise verfügbar. In Städten und Flüchtlingslagern fehlte Frischwasser; die hygienischen Zustände waren miserabel. Der schlechte Gesundheitszustand der Bevölkerung nimmt nicht wunder: Eitrige Hauterkrankungen, Typhus und Paratyphus, Rachitis, Diphterie, Unterernährung und Hungerödeme waren an der Tagesordnung. Kinder in den ländlichen Gebieten, deren Versorgungslage besser als die der Städte war, führten amtliche Statistiken als „normal unterernährt“.

Dabei nahm sich die wirtschaftliche Lage zunächst nicht so katastrophal aus, wie man vielleicht denken könnte. Der Krieg hatte gerade einmal so viele Industrieanlagen zerstört, wie durch die nationalsozialistische Rüstung entstanden waren, ihre Zahl befand sich im Mai 1945 also auf dem Stand von 1939. Verheerend aber war der Kreislauf des Mangels: Es fehlte an Energie, es fehlte an Transportmitteln, an Rohstoffen, Maschinen und Arbeitsgeräten und an fachlich qualifizierten Arbeitskräften. Größere Betriebe verfügten immerhin noch über Material- und Rohstoffreste, die eine bescheidene Herstellung dringend benötigter Alltagsgüter, z. B. Öfen, erlaubten. Allerdings drohten als Reparationsleistungen Demontagen, also die Verpflanzung von Produktionsanlagen in die Länder der Siegermächte. Letztendlich wurde in Niedersachsen bis zum Ende der 1940er Jahre zwar nur ein Drittel der ursprünglich zur Demontage vorgesehenen Fabriken abgebaut, dennoch gingen tausende von Arbeitsplätzen verloren. Die Erwerbslosenzahlen stiegen auf ein Rekordniveau, auf dem sie in einigen niedersächsischen Regionen bis zu Beginn der 1950er-Jahre blieben. Auf der anderen Seite erteilten die Briten Industriebetrieben in ihrer Zone, beispielsweise VW in Wolfsburg oder den Continental-Reifenwerken in Hannover, große Aufträge und gaben so wichtige Impuls für die wirtschaftliche Wiederbelebung. Sie förderten auch 1947 in Hannover die erste international ausgerichtete Industrieschau, im hiesigen Volksmund schnell „Fischbrötchenmesse“ genannt, weil diese sonst nirgends erhältlichen Delikatessen hier ohne Lebensmittelmarken gekauft werden konnten. Doch die Reichsmark besaß keine Kaufkraft mehr, ein wirtschaftlicher Aufschwung kam erst nach der Währungsreform vom Juni 1948 in Gang.

Neben der Tagespolitik, die um die aufgezeigten Probleme kreiste, wurde Landespolitik gemacht. Bereits in den 1920er-Jahren hatte es in den Ländern Braunschweig und Oldenburg und in der Provinz Hannover verschiedene, miteinander konkurrierende Überlegungen zu territorialen Neugliederungen gegeben. Sie verfolgten das Ziel, die Wirtschaftskraft des eigenen Gebiets zu stärken. Diese Diskussionen keimten jetzt wieder auf, zumal die Briten Braunschweig, Hannover und Oldenburg „für Zwecke der Militärregierung“ unter ein Koordinierungsgremium gestellt hatten. Schließlich setzten sich die Vorstellungen des ernannten hannoverschen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf durch. Mit ihrer Verordnung Nr. 55 riefen die Briten zum 1. November 1946 das Land Niedersachsen ins Leben, dem außerdem der Kleinstaat Schaumburg-Lippe angeschlossen wurde.“

Benutzte Literatur:
Annette von Boetticher u. a.: Niedersachsen zwischen Kriegsende und Landesgründung. Befreiung, Neubeginn und Demokratisierung in den Ländern Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Schaumburg-Lippe, hg. von der Nds. Landeszentrale für politische Bildung und dem Nds. Institut für Historische Regionalforschung e. V. Hannover, 2. Auflage 2005.

 


Die Filme

Dokumente und Beiträge


Die hier vorgestellten Filme thematisieren unterschiedliche Aspekte der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte Niedersachsens. NIEDERSACHSEN IM AUFBAU  ist 1951 an der Schnittstelle zwischen Nachkriegszeit und beginnenden sog. Wirtschaftswunder entstanden und ist ganz Dokument seiner Zeit: Stolz auf das Geleistete und optimistischer Blick nach vorn. HANNOVER 1949/1950 ist kurz vorher entstanden und widmet sich ganz den aufbauleistungen in der Stadt. Ein besonderes Filmdoklument ist ASYLRECHT. 1949 entstanden, berichtet er von dern Problemen, die mit der großen Zahl von Flüchtlingen verbunden waren.

Die drei Zeitdokumente eignen sich in besonderer Weise neben der Bearbeitung des jeweiligen Thematik auch die zeitgenössischen Haltungen und Mentalitäten in den Blick zu nehmen.

Mit dem 1949 entstandenen Film  erleben wir die Nachkriegszeit sozusagen an der Seite von Flüchtlingen. Der Film, der einen Blick in einige der insgesamt mehr als 1 600 Flüchtlingslager auf niedersächsischem Gebiet wirft, entstand in den Jahren 1948/49.  Der Dokumentarfilmer Rudolf W. Kipp  erstellte ihn als Auftragsarbeit für die britische Besatzungsmacht.

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Die sichtbaren Narben des Krieges wurden jedoch rasch geglättet; äußerlich nahm das Leben nur fünf Jahre nach Kriegsende wieder einen optimistischen Verlauf. Das dokumentiert dieser zeitgenössische Stummfilm, in dem der in Isernhagen bei Hannover lebende Filmemacher Heinz Koberg den Wiederaufbau Hannovers mit der Kamera festhielt.

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Eine vergleichbar stolze Leistungsschau wie Hannover 1949/50 bietet der Film „Niedersachsen im Aufbau“ aus dem Jahr 1951, der den sozialen und vor allem wirtschaftlichen Aufbau des Landes beschreibt.


Der Film wurde aus historischen Filmaufnahmen zusammengestellt. Er versetzt uns aus dem Blickwinkel amerikanischer und britischer Kameramänner unmittelbar in die letzten Kriegstage und ersten Nachkriegswochen. Der Zilm zeigt auch Bilder von der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.

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Der Dokumentarfilm  zeichnet ein anschauliches Bild der politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse der frühen deutschen Nachkriegszeit in Niedersachsen mit Hilfe von zeitgenössischen Originalaufnahmen und zahlreichen rückblickenden Interviews.

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ist ein Dokumentarfilm von Jürgen Corleis, der hauptsächlich britisches Filmmaterial von der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen und den Wochen danach verwendet und diese durch spätere Interviews mit Überlebenden sowie einem britischen Soldaten und einem jüdischen Kameramann ergänzt.

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Die beiden niedersächsische Filmproduktionsfirmen, die Filmaufbau GmbH und die Junge Film-Union zählten bis weit in die 50er Jahre zu den bedeutendsten Filmproduktionsfirmen in Deutschland. Von den zahlreichen Spielfilmproduktionene, sind hier zwei genannt, deren Schauplätze zu einem Großenteil in Niedersachsen liegen. Zugleich ermöglichen sie einen Blick auf zeitgenössische Mentalitäten.

Film über junge Menschen, die während einer Kanufahrt auf der Weser nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg darüber diskutieren, wie es am besten weitergehen sollte.

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In ländlicher Idylle diskutieren ein Filmregisseur, ein Drehbuchautor und ein Schauspieler den gemeinsamen Film, der entstehen soll. Sie können sich nicht einigen, was für ein Film es werden soll, sind sich aber einig, dass es kein Trümmerfilm, kein Heimatfilm, kein Anti-Nazi-Film und kein Fraternisierungsfilm werden soll.

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Arbeitshinweise und Unterrichtsvorschläge

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