Die Entwicklung der NSDAP bis 1933

Adolf Hitler der oberste Führer der verbotenen S.A. bei der Abnahme eines Vorbeimarsches in Braunschweig.


Die Parteitwicklung (1) bis zur Übernahme der politischen Macht läßt sich in folgende Phasen unterteilen:

  • 1919 bis 1923: Entstehung und ideologische Festigung;
  • 1925 bis 1930: innerparteiliche Auseinandersetzungen und organisatorische Konsolidierung der Partei;
  • 1930 bis 1933: Kampf um die politische Macht.

Die am 5.1.1919 als Deutsche Arbeiterpartei gegründete und mit der Verabschiedung des 25-Punkte-Programms im Februar 1920 in NSDAP umbenannte Partei, war zunächst nur „eine der vielen, erst als Gesamterscheinung politisch bedeutsamen völkisch-nationalistisch antisemitischen Protestgruppen gegen den Versailler Vertrag, marxistische ‚Novemberverbrecher‘ und parlamentarisch-pluralistische Demokratie“ (2) Sie war keine auf parlamentarische Repräsentation und Interessenvertretung orientierte Partei, sondern eine strikt anti-parlamentarische rechtsextreme Kampf- und Agitationsgruppe, die in Bayern relativ unbehindert tätig werden konnte.

Über München hinaus blieb die Organisation jedoch zunächst unbedeutend, dies auch nach der Führungsübernahme durch Hitler im Juli 1921. Zwar ertröhte sich die Mitg1iederzahl bis 1923 auf etwa 55.0000, aber der organisatorische Zusammenhang, vor allem zu außerbayerischen Mitgliedergruppen, war ausgesprochen schwach.

Vier Aspekte dieser 1. Phase hatten für die Zukunft Bedeutung: (3)

  1. die Entwicklung der politischen Langzeitprogrammatik des Nationalsozialismus;
  2. die Entwicklung eines strategischen Plans zur Verwirklichung der politischen Ziele;
  3. die Formulierung des innerparteilichen Organisationsprinzips (Modell der Führerpartei);
  4. das aus den Erfahrungen des gescheiterten Münchener Staatsstreichs vom 9.11.1923 erwachsene Mißtrauen gegenüber bürgerlichen Bündnispartnern und daraus folgend das Bestehen auf absolute politische Handlungsfreiheit.

Mit der Neugründung der Partei am 27.2.1925 setzte zugleich auch der Prozess der organisatorischen Konsolidierung ein. Diese innerorganisatorische Entwicklung war
nach außen kaum erkennbar, stellte aber für die Zukunft das bedeutendste Element der 2. Phase dar. Der Prozess war durch zwei Entwicklungslinien gekennzeichnet. Zum einen gelang es seit 1925 aus dem beträchtlichen rechtsradikalen bzw. -extremen Potential die „kreativsten Kräfte“ an die Partei zu binden und diese Bindung zu stablisieren, wobei die jeweiligen Führer sich in die autoritäre Parteistruktur einordneten. Die Partei verdrängte so ziemlich rasch alle völkischen Konkurrenten. Zum anderen war mit diesem Wachstums- und Integrationsprozeß die zunehmende Unabhängigkeit der Parteiführung oberharb aller Parteiinstanzen und ein Zuwachs an unangreifbarer politischer Machtkonzentration verknüpft. Damit war Hitler als „Führer“ den direkten politischen Machtkämpfen entzogen und konnte in diesen Positionskäimpfen agieren, ohne seine Position zu gefährden.

Mit der Neugründung der Partei erfolgte auch ein Strategiewechsel. Die NSDAP nutzte von nun an die demokratischen Strukturen um sie zugleich zu destabilisieren. Die Beteiligung an Wahlen bis hin zur Mitarbeit in Regierungen sorgte für einen „bürgerlichen Anstrich“. Der Ausbau zu einer Massenbewegung, mit der SA als dem bewaffneten Arm, trug die Politik „auf die Straße“.

Diese parteiinternen Auseinandersetzungen wurden mit zunehmender Schärfe ausgetragen, ohne allerdings den organisatorischen Konsolidierungsprozess zu beeinträchtigen.
Nach der Wiedergründung der Partei bildeten sich drei Fraktionen heraus, die in ihren wirtschaftspolitischen Vorstellungen erhebliche Differenzen aufwiesen. Es standen sich
unter wirtschaftspolitisch-programmatisctrem Aspekt gegenüber: (4)

  • die Vertreter eines dirigistisch-staatskapitalistisch organisierten Wirtschaftssystems um Otto Strasser; vor allem in Norddeutschland stark vertreten;
  • die Vertreter eines mittelbetrieblich-stände“sozialistisch“ organisierten Wirtschaftssystems um Otto W. Wagener, mit enger Bindung an die SA;
  • die Vertretter eines großwirtschaftlieh-privatkapitalistisch organisierten Wirtschaftssystems, die 1931 mit Walter Funk einen Mitstreiter bekamen, der über mit guten Verbindungen zu Teilen der Groß(Schwer)industrie erfügte.

Der „linke“ Flügel um O. Strasser erlitt zwar auf dem Bamberger Parteitag 1926 eine schwere Niederlage und wurde zeitweise isoliert, „sein organisatorischer Zusammenhalt aufgelöst und seine Programmdiskussionen verboten, doch sammelte er sich bald wieder und baute mit dem Kampf-Verlag ein Presseimperium auf“. (Kühnl) nie hier erschenenden Tageszeitungen und Regionalblätter prägten bis 1930 das äußere Profil der norddeutschen NSDAP sehr stark. Im Sommer 1930 kam es zum offenen Konflikt zwischen diesem Parteiflügel und der Parteiführung, der zum Austritt O, Strassers führte. Der Kampf-Verlag wurde aufgelöst und der „linke“ Flüge1 der Partei zerfiel. (5)

Die bedeutendste Gruppierung in der NSDAP war larnge Zeit, deie Fraktion um Wagener. Wichtige Positionen innerhalb der Partei waren von Vertretern dieser Fraktion besetzt, so war z.B. Wagener selbst einer der engsten wirtschaftspolitischen Berater der Parteiführung und gab anfangs der 30er Jahre den wirtschaftspolitischen Pressedienst der NDAP heraus. Insbesondere wegen der engen Beziehungen zur SA ließ sich diese Gruppierung nicht so leicht isolieren wie der „linke“ Flügel der Partei. Seine innerparteiliche Bedeutung und die öffentliche Wahrnehmung ihrer wirtschaftspolitischen Vorstellungen hatte u.a. auch zur Folge, dass aufgrund der wirtschaftspolitischen Vorstellungen dieses Teils der NSDAP innerhalb industrieller Kreise z.T. erhebliche Bedenken gegen eine politische Zusammenarbeit mit der NSDAP bestanden.

Vor der Weltwirtschaftskrise konnte aufgrund dieser Konstellation die Partei keine schlagkräftigen wirtschaftlichen Konzepte aufweisen.

Die Fraktion um Funk war ab 1931 bemüht, dieses „industriefreundliche“ Bild zu korrigieren und so zu einer Verbesserung des Verhältnisses zwischen NSDAP und Industrie zu kommen. Besonders Funk selbst hatte große Bedeutung „für die Popularisierung nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik im Sinne Hitlers innerhalb der Großindustrie“.(6)  Größerer Erfolg war diesern Parteiflügel aber erst mit der Verschärfung der Krise beschieden, als die zentrale Vorstellung einer Lebensraumideologie in die Theorie der Großraumwirtschaft eines Teils der Industrie eingepasst werden konnte. Autarkie wurde zu einem Schlagwort für die „ökonomische Kompetenz“ der NSDAP.

Hitler tendierte relativ früh zum industriefreundlichen Flügel. Seine Zusammenkünfte mit einflussreichen Industriellen sind ein Indiz für diese politisch Ausrichtung, zugleich konnte er aber nicht auf die Unterstützung aus der Gruppierung um Wagener verzichten, Vor allem war er auf eine funktionsfähige SA angewiesen. 

1930 setzte der gewaltige Aufschwung und die Bedeutungszunahme der NSDAP ein. Die Mitgliederzahl wuchs von 1930 bis 1933 um etwa 720.000 Menschen an. (7) Die Wahlerfolge brachten der Partei schließlich die stärkste Fraktion im Reichstag,

Die Dynamik der NSDAP beruhte entscheidend auf einem „neuen Politikstil“ der Partei, (8) der dessen Grundlage der selbständige Einsatz der Parteimitglieder in den Ortsgruppen war. Massenpropaganda-Aktionen zur Zerstörung der Weimarer Republik und gewaltsames Vorgehen gegen politische Gegner, insbesondere die Arbeiterorganisationen zählten zu den Hauptaufgaben der Parteigruppierungen. Dem waren auch die seit 1930 in einigen Ländern
gewonnenen Regierungsbeteiligungen untergeordnet. Für diese Praxis war die SA unverzichtbar und gewann so mehr und mehr an Bedeutung. Sie wurde zur Massenorgarnisation und immer häufiger im terroristischen Straßenkampf zur Einschüchterung der politischen Gegner und zur Liquidierung bürgerlicher Freiheitsrechte wie freie Meinungsäußerung, Demonstrations- und Versammlungsrecht eingesetzt. Die SA gewann nach und nach – trotz zeitweiser Verbote – die Herrschaft über die Straße.

Mit dieser SA gab es jedoch nicht wenige Konflikte. Zum einen ließ sich die SA nur schwer disziplinieren, zum anderen konnte die beabsichtigte enge Bindung an die Partei nur bedingt sichergestellt werden, da sich in der SA eine Art „Sonderbewusstsein“ herausbildete. (9)

Letztlich musste jedoch eine innerorganisatorische Entscheidung zwischen dem mittleren trnd dem Wirtschaftsflügel der Partei fallen – und auch zwischen Partei-Führung und SA-Führung.

Für die Finanzierung der Partei und ihres neuartigen „Politikstils“ hatten in dieser Phase auch die verdeckten und offenen Unterstützungen und Spenden aus dem Industriebürgertum eine relativ große Bedeutung, da sich ohne sie die intensiven Großaktionen und teuren Wahlkämpfe kaum hätten durchführen lassen. (10)

Detlef Endeward


  1. Vgl. A. Tyrell: NSDAP, in: W.Schlangen (Hrsg.): Die deutschen Parteien im Überblick, Königstein/Ts. 1979, S. 119ff ; Informationen zur Politischen Bildung 123/126/127, Bonn 1977, S. 1ff und Daniel Siemens: Nationalsozialismus. In: Rossol, Nadine/Ziemann, Benjamin (Hrsg.) (2021): Aufbruch und Abgründe. Handbuch der Weimarer Republik, Darmstadt 2021, S. 441-464
  2. A. Tyrell: a.a.O.,  S. 121
  3. A. Tyrell: a.a.O.. S. 123fff
  4. Vgl. D. Stegmann: a..a.O., S. 34ff und Geschichte: Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1973, S. 221
  5. Vgl. auch R. Kühnl: Deutschland zwischen Demokratie und Faschismus, München 1971, S. 46ff
  6. D. Stegmann: a.a.O., S. 35
  7. Vgl. E. Henning: Bürgerliche Gesellschaft und Faschismus in Deutschland, Frankfurt/M. 1977, S. 163
  8. Vgl. D. Siemens: a.a.O., S: 452ff
  9. Vgl. Geschichte, Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1973, S. 230ff
    Die gewaltsame „Lösrrng“ dieser Konflikte erfolgte durch die Liquidierung ihrer Führer am30. Juni 1934 (Vgl.. A. Sohn-Rethel: A.a. O.: S. 200ff
  10. Vgl. E. Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht, Köln 1978, S. 19 und 33
    Bis heute wird immer wieder von den „Mythen über die Finanzierung der NSDAP“ gesprochen, wenn es darum geht, die Unterstützung der Partei durch maßgebliche Kreise aus der Großindustrie kleinzureden und sich dabei vor allem auf die Studie von Turner berufen, der keinen bedeutenden finanziellen Beitrag zur Unterstützung des Nationalsozialismus durch die deutsche Industrie vor der Machtübernahme zu erkennen vermochte. (Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Berlin 1985) Mir scheint dagegen die exemplarisch Darstellung  von Karl Heinz Roth über die verdeckte finanzielle Unterstützung durch die Daimler-Benz AG sehr schlüssig und durchaus übertragbar auf andere Industrieunternehmen. In den Akten tauchen derartige Transaktionen allerdings kaum auf. Siehe dazu: Das Daimler-Benz Buch. Ein Rüstungskonzern im „Tausendjährigen Reich“. Hrsg. von der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Hamburg 1987/1992; S. 103ff
    Sogar die Mercedes-Benz-Group gesteht auf ihrer aktuellen website zur Geschichte des Konzerns ein: „Heute wissen wir: Schon vor der Machtergreifung erhielt er Händlerrabatte auf seine Fahrzeuge, und dies setzte sich auch später fort. Es war für beide Seiten offenbar ein gutes Geschäft, durfte sich doch auch das Unternehmen damit schmücken, dass die Fahrzeuge bei öffentlichen Veranstaltungen und in Wochenschauen entsprechend in Szene gesetzt wurden.“ [05.04.2022]

Das könnte dich auch interessieren …